Nur ein Künstler kann die letztendliche Bedeutung des Geldes entschlüsseln.

Nur ein Künstler kann die letztendliche Bedeutung des Geldes entschlüsseln.

Repräsentationsobjekte der dieser Edition sind Geldscheine. Diese sind so flüchtig wie bar jeden Werts. Sie sind scheinbar. Ihr Wert liegt nicht in ihrer Dinglichkeit. Dieser ist bedeutungslos und billig, ja Massenware. Ihr Schein erstrahlt aus dem Glaube an ihren Wert. Der gemeinschaftliche Glaube wird in der repräsentativ bedeutungsvoll aufgeladenen Gestaltung dieses Glaubensträgers aus durchscheinendem Papier imaginiert.

In industriellem Verfahren drückt jemand bedeutungsvolles dem bunten Fetzen seinen Stempel auf. Jemand unterschreibt und gibt seinen linearen Segen, auf dass der schöne Schein gewahrt sei. Einst verliehen Könige und Fürsten mit ihrer gottgleichen Macht dem Geld seinen Wert. Heute ist diese scheinbare Schöpferkraft in der Hand bürgerlicher Geldmachtmenschen.

Die deutsche Sprache ist so präzise, dass sie den Geld-schein schon morphologisch als Scheinbild entlarvt, das den Glauben an seinen Wert voraussetzt. Shine on! Sei mein Lichtschein. Ich bete Dich an, denn Du erfüllst meine Wünsche, du schöne Note. Geldnote, klingle und scheine, erleuchte mich! Der Fotokünstler Frank Platte durchleuchtet dieses Ding und geht dem Mythos der Geldscheine aus aller Welt auf den Grund.

Das schöne, billig gedruckte Geld erstrahlt in Plattes Scheinbilder-Werken im Glanz seiner ästhetischen Prägung neu und unerwartet. Der Künstler  arbeitet mit dem Rohmaterial der Banknoten. Er nimmt dem Geldschein seine Zahlungsfunktion und rückt ihn auf sein ästhetisches Erscheinen und in einem neuen Wert zurecht. Die Wertverhältnisse drehen sich um. Das Ästhetisch oberflächliche Erscheinen tritt vor das dinglich materialistische Funktionieren als Zahlungsmittel. Der Warencharakter bleibt erhalten, schließt sich jedoch dieser Umkehrung an.

Die Arbeit mit den Geldscheinen ist für für den Künstler ein Spiel mit Licht und Schatten, das, was auch seine fotografische Sichtweise auf die Welt prägt. Er spielt mit dem Glauben an das Erscheinen eines Wertes, der sich im alltäglichen Zahlungsvorgang manifestiert.

Im Laufe der Zeit haben sich Aussehen und Bedeutung der Zahlungsmittel gewandelt. Das Bargeld hat Konkurrenz von Kreditkarten und virtuellen Zahlungsmöglichkeiten bekommen. Das Geld entrückt in einen virtuellen Raum.

Es wird nicht mehr greifbar, fühlbar,  sinnlich erfahrbar. In dieser von numerischen Codes geprägten Gesellschaft wird Bargeld vielleicht schon bald nur noch in den Kisten und Kästen von Sammlern oder in Museen zu bewundern sein.

Endes des Jahres 2001 begann die Vergangenheit für viele europäische Währungen, als der Euro als einheitliches Zahlungsmittel auch haptisch erfahrbar wurde, um die europäische Wirtschafts- und Währungsunion zu vervollkommnen.

Diese Disruption spiegelt das Projekt “Scheinbar”.  Als eine der ersten Serien in diesem Zyklus wurde der D-Mark ein künstlerisch einmaliges Denkmal gesetzt. Die ästhetische Vollkommenheit der Geldscheine wurde durch fotografische Mittel in eine künstlerische Arbeit übersetzt. Dem Geldwert der einzelnen Noten wurde ein neuer, kulturell bedeutsamer Wert zugeordnet, der die Ästhetik der Originale in eine anderes Licht rückt.

Der Geldschein, ein Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens, der durch jede Hand geht.  Wie kein anderes Ding wechselt er den Besitzer, ohne an Wert zu verlieren. So gehört er allen und doch keinem.

Das Aussehen eines Geldscheines definiert dessen Wert. Äußerer Schein symbolisiert das in seinem Deckungswert festgelegte Sein. Den im Erscheinungsbild des Geldscheines festgelegten Code anzuerkennen, heißt sich den Vereinbarungen dieses, ihn aufrechterhaltenden Wertesystems unterzuordnen. Die Codes sind im Scheinbild so verschlüsselt, dass sie schwer übertragbar sind.  Die Codes entschlüsseln und überprüfen zu können ist notwendig, um die Papierbilder als echte Scheine anzuerkennen oder als Blüten, ungedeckte Papierfetzen, zu entlarven.

Die ihr jeweiliges Codesystem definierende Gesellschaft repräsentiert sich im äußeren Erscheinen ihrer Währung. So  gibt jeder Geldschein in seiner Eigenschaft als Zahlungsmittel auch Auskunft über die Identität einer Kultur. Fast könnte man sagen, er sei die Visitenkarte eines Landes.

Abbilder von großen Ereignissen der Geschichte und Besonderheiten aus der Natur eines Landes, sowie wichtige Personen und typische Bauwerke prägen die Scheinbilder, wie einst die Köpfe von Herrschern die von ihnen geprägten Münzen.  Diese Gestaltung definiert den Wert, dient der Codierung, soll  ihn unnachahmlich, fälschungssicher machen.

Wie alles hat auch der Geldschein zwei Seiten. Durch seine Transparenz ist die Harmonie dieser beiden Oberflächen von gestalterischer Wichtigkeit. In diesen Werken ist diese Transparenz von einleuchtender Bedeutung. Mit fotografischen Mitteln reduziert das Werk beide Ebenen zu einem Bild und odnet die Symbolwelt digital collagiert um. Das führt zu einer neuen Ästhetik, die den Geldschein umso geheimnisvoller und malerischer erscheinen lässt. Er gewinnt an Wert. Das Kunstwerk erhöht das funktional-ästhetische Zahlungsmittel. Durch die Umkehr der Farb- und Tonwerte entfremdet sich das Abbild vom Original. In Folge der Vergrößerung wird es aus seinem herkömmlichen Format erlöst und gewinnt eine neue Wertigkeit und Wahrheit.

Frank Platte, Mai 2008